Curt Sachs

Curt Sachs

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Curt Sachs wurde am 29. Juni 1881 in Berlin geboren und starb am 5. Februar 1959 in New York. Er war ein deutscher Musikwissenschaftler, Instrumentenforscher, Kunsthistoriker und Begründer der wissenschaftlichen Instrumentenkunde. Zusammen mit Erich Moritz von Hornbostel entwickelte er die Hornbostel-Sachs-Systematik zur Klassifizierung von Musikinstrumenten.

Leben

Curt Sachs wurde als Sohn von Louis Eduard Sachs und seiner Frau Anna Sachs, geb. Fröhlich, in Berlin geboren. Als Sohn einer jüdischen Berliner Fabrikantenfamilie erhielt Sachs neben dem Besuch des Französischen Gymnasiums Unterricht in Klavier, Theorie und Komposition. Ab 1900 studierte er Kunstgeschichte und Musikwissenschaft an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und promovierte 1904 bei Carl Frey über die Skulpturen Andrea del Verrocchios.

Seine Dissertation schrieb er 1904 bei Carl Frey über eine Skulptur von Andrea del Verrocchio in Florenz. Seine musikwissenschaftlichen Studien setzte er bei Hermann Kretzschmar und Johannes Wolf fort. 1905 bis 1907 war er am Kunstgewerbemuseum in Berlin tätig und gründete zusammen mit Ernst Jaffé das Rezensionsorgan „Monatshefte der kunstwissenschaftlichen Literatur“.

Ab 1908 widmete er sich ausschließlich der Musik. Sachs schrieb zahlreiche Bücher über Rhythmus, Tanz und Musikinstrumente. Sein Werk „Reallexicon der Musikinstrumente“ von 1913 gilt als das einflussreichste Lexikon über historische und weltweit verbreitete Musikinstrumente. Von Juni 1917 bis Dezember 1918 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und war im militärischen Nachrichtendienst tätig.

Curt Sachs habilitierte sich 1919 an der Universität Berlin mit dem Werk „Handbuch der Musikinstrumentenkunde“. Am 1. Dezember 1919 wurde er zunächst vertretungsweise, dann endgültig als außerordentlicher Professor mit der Leitung der Sammlung alter Musikinstrumente an der Staatlichen akademischen Hochschule für Musik in Berlin-Charlottenburg, dem heutigen Musikinstrumenten-Museum SIMPK (Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz), beauftragt.

Dies geschah nach der Pensionierung seines Vorgängers Oskar Fleischer am 30. September 1920. Noch während des Habilitationsverfahrens erhielt Sachs auf Antrag der Generaldirektion der Preußischen Staatsmuseen den Titel eines Professors. Ab 1921 war er als außerordentlicher Professor und ab 1928 als ordentlicher Professor an der Universität tätig. Zusätzlich unterrichtete er ab 1926 Instrumentenkunde an der Staatlichen Akademie für Kirchen- und Schulmusik in Berlin. 1930 verbrachte er zwei Monate als Berater des Instituts für Orientalische Musik in Kairo.

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Sachs im September 1933 aus rassischen Gründen aus dem Staatsdienst entlassen. Nachdem sein Plan, sofort in die USA zu emigrieren, gescheitert war, emigrierte er 1933 mit Unterstützung eines Rockefeller-Stipendiums und der Alliance Israélite Universelle zunächst nach Paris. Dort arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Musée d’Ethnographie du Trocadéro.

Erst im August 1937 konnte er aufgrund seiner Ernennung zum Gastprofessor an der New York University mit seiner Familie nach New York übersiedeln. Neben seiner Lehrtätigkeit war er als Berater für die New York Public Library und das Metropolitan Museum of Art tätig. Von 1950 bis 1952 war Sachs Präsident der American Musicological Society und ab 1953 außerordentlicher Professor an der Columbia University in New York. Er emeritierte 1957 an der New York University.

Curt Sachs war ein herausragender Musikwissenschaftler und einer der produktivsten seiner Zeit. Er prägte den kunsthistorischen Begriff des Barock auch für die Musik. Seine Studien basierten auf einer umfangreichen Sammlung historisch-morphologischer Dokumente und exzerpierter Literatur. Zusammen mit Erich Moritz von Hornbostel entwickelte er die führende Hornbostel-Sachs-Systematik zur Klassifizierung von Musikinstrumenten. Sein Werk „Geist und Werden der Musikinstrumente“ bot eine kulturgeographisch begründete Chronologie der Musikinstrumente von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Sachs akzeptierte die neuen Massenmedien, insbesondere die Schallplatte, und trug zur Verbreitung musikwissenschaftlicher Erkenntnisse bei, etwa durch die Herausgabe der Schallplattenreihe „2000 Jahre Musik auf der Schallplatte“.

Sein Buch „Die Geschichte der Musikinstrumente“ (1940) ist ein Standardwerk auf diesem Gebiet. Für seine herausragenden Leistungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin und den „Curt Sachs Award“ der American Musical Instrument Society.

Veröffentlichungen

  • Musikgeschichte der Stadt Berlin bis zum Jahre 1800. Verlag Gebrüder Paetel, Berlin 1908 (Digitalisat).
  • Reallexicon der Musikinstrumente. Berlin 1913 (Digitalisat).
  • mit Erich M. von Hornbostel: Systematik der Musikinstrumente. Ein Versuch. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 46, 1914, S. 553–590 (Digitalisat).
  • Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. Berlin 1915, 2. Auflage: Berlin 1923.
  • Die Maultrommel. Eine typologische Vorstudie. In: Zeitschrift für Ethnologie, 1917.
  • Handbuch der Musikinstrumentenkunde. (Habilitationsschrift) Leipzig 1920, 2. Auflage: Leipzig 1930; Neudruck: Olms, Hildesheim 1967.
  • Sammlung alter Musikinstrumente bei der staatlichen Hochschule für Musik zu Berlin. Beschreibender Katalog. Julius Bard, Berlin 1922 (Digitalisat).
  • Die Musikinstrumente. Breslau 1923.
  • Musik des Altertums. Breslau 1924.
  • Die Musik der Antike. (= Ernst Bücken (Hrsg.): Handbuch der Musikwissenschaft, Bd. 6). Potsdam 1928. (Digitalisat)
  • Geist und Werden der Musikinstrumente. Berlin 1929.
  • Vergleichende Musikwissenschaft in ihren Grundzügen. Leipzig 1930; 2. neubearbeitete Auflage: Vergleichende Musikwissenschaft: Musik der Fremdkulturen. Heidelberg 1959; 3. Auflage: Wilhelmshaven 1974.
  • Eine Weltgeschichte des Tanzes. Berlin 1933, englisch: World History of the Dance. New York 1937.
  • Les Instruments de musique de Madagascar. Paris 1938.
  • The history of musical instruments. New York 1940.
  • The rise of music in the Ancient world: East and West. New York 1943.
  • Rhythm and Tempo. A Study in Music History. New York 1953.
  • The Wellsprings of Music. Herausgegeben von Jaap Kunst. Den Haag 1962.

Literatur

  • Lieder f. e. Singstimme mit Pianoforte (Berlin o. J.);
  • – Schriften
  • u. a.: Musikgesch. d. Stadt Berlin bis z. J. 1800, 1908, Nachdr. 1980;
  • Musik u. Oper am Kurbrandenburg. Hof, 1910, Nachdr. 1977;
  • Real-Lex. d. Musikinstrumente zugleich e. Polyglossar f. d. gesamte Instrumentengebiet, 1913, Nachdr. 1979;
  • Systematik d. Musikinstrumente, Ein Versuch, in: Zs. f. Ethnol. 46, 1914, H. 4/5, S. 554-90 (mit E. M. v. Hornbostel) (engl. Übers. v. A. Baines u. K. P. Wachsmann, in: Galpin Soc. Journal 14, 1961, S. 3-29);
  • Die Musikinstrumente Indiens u. Indonesiens, zugleich e. Eint, in d. Instrumentenkunde, 1915, ²1923, Nachdruck 1983;
  • Handbuch der Musikinstrumentenkunde, 1920, 1930, Nachdruck 1976;
  • Die Musikinstrumente des alten Ägyptens, 1921;
  • Sammlung alter Musikinstrumente bei der Staatlichen Hochschule für Musik zu Berlin, Beschreibender Katalog, 1922;
  • Musik des Altertums, 1924;
  • Geist und Werden der Musikinstrumente, 1929 (hierzu R. Lachmann, in: Zs. f. Musikwiss. 12, 1929/30, S. 494-97;
  • Albrecht Schneider, Musikwiss. u. Kulturkreislehre, Zur Methodik u. Gesch. d. Vergleichenden Musikwiss., 1976, bes. S. 78-90);
  • Eine Weltgesch. d. Tanzes, 1933 (franz., engl., ital., Japan., slowen. Überss.), Nachdr. 1984 u. 1992;
  • La signification, la tache et la technique muséographique des collections d’instruments de musique, in: Mouseion 8, 1934, no. III-IV, Bde. 27/28, S. 153-84;
  • Paul Frank, Wilhelm Altmann: Kurzgefasstes Tonkünstler Lexikon. Gustav Bosse, Regensburg 1936;
  • The hist. of musical instruments, 1940 (poln. Übers.);
  • The rise of music in the ancient world east and west, 1943, dt. Übers. u. d. T: Die Musik d. alten Welt in Ost u. West, 1968 (japan. u. poln. Überss.);
  • The Commonwealth of art, 1946;
  • Our musical heritage, A short hist. of music, 1948, ²1955, Nachdr. 1978;
  • Rhythm and tempo, 1953 (japan. Übers.), Nachdr. 1988;
  • Kurt Hahn: Verzeichnis der wissenschaftlichen Arbeiten von Curt Sachs. In: Acta Musicologica, Bd. 29, Nr. 2/3, April–September 1957, S. 94–106.
  • A. Lüderwaldt, Der ‚soziolog. Gesichtspunkt‘ in d. Instrumentenkunde, in: Mitt. d. Dt. Ges. f. Musik d. Orients 13, 1975, S. 5-38;
  • C. Sprague Smith, C. S. and the Library Mus. of the Performing Arts, in: Musica Judaica 4, 1981/82, No. 1, S. 9-19;
  • Gabriele Busch-Salmen: Musiker im Porträt. C. H. Beck, München 1984, ISBN 3-406-08454-0.
  • The Commonwealth of music, In honor of C. S. ed. by G. Reese u. R. Brandel, 1965 (darin bes. H.-H. Draeger. C. S. as an ethnomusicologist, S. 10-25;
  • L. Schrade, G. S. as a historian, S. 1-9, P);
  • A. Berner, Die alte Musikinstrumenten-Slg. in Berlin, in: Wege z. Musik, hg. v. Staatl. Inst. f. Musikforsch. Preuß. Kulturbes. 1984, S. 11-122, bes. S. 68-111 (P);
  • Darryl Lyman: Great Jews in Music. Jonathan David Publishers, New York 1986, ISBN 0-8246-0315-X.
  • M. Eiste, MA auf alten Schallplatten, Die Anfänge d. Rekonstruktion ma. Musizierpraxis, in: MA-Rezeption III, Ges. Vortrr. d. 3. Salzburger Symposions: MA, Massenmedien, Neue Mythen, 1988, S. 421-36;
  • ders., Bildungsware Alte Musik, C. S. als Schallplattenpäd., in: Basler Jb. f. Hist. Musikpraxis 13 (1989), 1990, S. 207-47;
  • Stanley Sadie, John Tyrrell (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Aufl. Macmillan, London 2001;
  • Martin Elste: Sachs, Curt. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11203-2, S. 335 f. (Digitalisat).
  • Florence Gétreau: Curt Sachs and his Contribution to the Museology of Music. Symposium: Klang, Gedanke, Instrument. Curt Sachs und die Musikwissenschaft heute. Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, September 2006, S. 99–109.
  • Wolfgang Behrens, Martin Elste, Frauke Fitzner (Hrsg.): Vom Sammeln, Klassifizieren und Interpretieren. Die zerstörte Vielfalt des Curt Sachs. Schott, Mainz 2017, ISBN 978-3-7957-1284-6 (mit Bibliografie).
  • Martin Elste, Carsten Schmidt (Hrsg.): 2000 Jahre Musik auf der Schallplatte – Two Thousand Years of Music. Alte Musik anno 1930. Eine diskologische Dokumentation zur Interpretationsgeschichte. Gesellschaft für Historische Tonträger, Wien 2018, ISBN 978-3-9502906-3-9.

Auszeichnungen

  • Präsident der American Musicological Soc. (1950–52);
  • Dr. of Hebrew Letters (Hebrew Union College, New York School 1950);
  • Dr. phil. h. c. (FU Berlin 1956);
  • Ehrenmitglied der Gesellschaft für Musikforschung (1956);
  • Ehrenpräsident der Soc. for Ethnomusicology (1956);
  • Curt Sachs Award d. American Musical Instrument Soc. (seit 1983);
  • „Curt-Sachs-Saal“ d. Musikinstrumenten-Museum in Berlin (seit 1985).

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