Erich Moritz von Hornbostel

Erich Moritz von Hornbostel

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Erich Moritz von Hornbostel, geboren am 25. Februar 1877 in Wien, gestorben am 28. November 1935 in Cambridge, England, war ein österreichischer Musikethnologe und von 1906 bis 1933 Direktor des Berliner Phonogramm-Archivs. Er entwickelte 1914 zusammen mit dem Musikwissenschaftler Curt Sachs die Hornbostel-Sachs-Systematik zur Klassifizierung von Musikinstrumenten.

Leben

Die Eltern führten in Wien ein großes Haus, in dem H. früh mit Musik und Musikern der Zeit, u.a. Brahms, in Berührung kam. Trotz seiner Neigung und Begabung für die Musik und einer frühen Ausbildung durch hervorragende Musiker studierte Hornbostel Naturwissenschaften und promovierte in Heidelberg als Schüler →Bunsens in Chemie. Um 1900 kam er nach Berlin und arbeitete unter Carl Stumpf am Psychologischen Institut der Universität.

Als dessen Assistent trat er 1901 in das Berliner Phonogramm-Archiv ein, wo er zusammen mit Stumpf und Otto Abraham Forschungsreisende und Missionare dazu anregte, Gesänge außereuropäischer Völker auf Phonographenwalzen aufzuzeichnen und die nun in rasch wachsender Zahl ins Archiv zurückkehrenden Walzen in Notenschrift zu übertragen und auszuwerten. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden als Beilagen zu den Forschungsberichten der Sammler oder als Aufsätze in ethnologischen und musikwissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht. H. wurde so zum Begründer der Methode der „Vergleichenden Musikwissenschaft“ (heute „Musikalische Ethnologie“ oder „Musikethnologie“ genannt).

Noch vor dem Ersten Weltkrieg nahm das Berliner Phonogramm-Archiv neben dem in Wien die führende Stellung in dieser jungen Wissenschaft ein, als deren erste Autorität H. internationale Anerkennung fand (1917 Professortitel). 1923 ging das Archiv, das er bis dahin aus eigenen Mitteln unterhalten hatte, in Staatsbesitz über. 1933 emigrierte H. zunächst in die Schweiz, dann in die USA, wohin ihn die New School of Social Research in New York berief. Da ihm das Klima gesundheitlich nicht zusagte, übersiedelte er 1935 nach England, wo er einen Ruf an die Universität Cambridge erhalten hatte. Aber auch dort verschlechterte sich sein Zustand, so dass er seine Lehrtätigkeit nicht mehr ausüben konnte.

Die größte Wirkung des Begründers eines neuen Faches der Musikwissenschaft bestand weniger in seinen unzähligen kleineren Schriften zur Musikvergleichung, Tonpsychologie, Akustik und weiteren naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Gebieten, als vielmehr in der Ausbildung einer Vielzahl talentierter Schüler und Kollegen in aller Welt.

Zu seinen Schülern und Mitarbeitern gehörten u.a. George Herzog, Mieczislaw Kolinski, Henry Cowell, Fritz Bose, Walter Wiora, Marius Schneider, Hans Hickamnn, und Freunde wie Kurt Lachmann, Curt Sachs, Jaap Kunst, Béla Bartók, Zoltán Kodály und Ilmari Krohn führten seine „Berliner Schule“ der Musikethnologie fort und wirkten befruchtend in Europa und Amerika.

Werke

  • u. a. Stud. üb. d. Tonsystem u. d. Musik d. Japaner (mit O. Abraham), in: Sammelbde. d. Internat. Musikges. IV, 1903;
  • Phonographierte ind. Melodien (mit dems.), ebd. V, 1904;
  • Phonographierte tunes. Melodien, ebd. VIII, 1906/07;
  • Phonographierte türk. Melodien (mit dems.), in: Zs. f. Ethnol. 36, 1904;
  • Phonographierte Indianermelodien aus Brit.-Columbia (mit dems.), in: F. Boas Anniversary Volume,1906, diese alle auch abgedr. in: Sammelbde. f. vgl. Musikwiss. I, 1922;
  • Die Probleme d. vgl. Musikwiss., in: Zs. d. Internat. Musikges. 7, 1905/06;
    Über vgl. akust. u. musikpsycholog. Unteres, (mit C. Stumpf), in: C. Stumpf, Dtrr. z. Akustik u. Musikwiss. IV-V, 1910;
  • Über e. akust. Kriterium f. Kulturzusammenhänge, in: Zs. f. Ethnol., 1911;
  • Systematik d. Musikinstrumente (mit C. Sachs), ebd. 46, 1914;
  • Die Musik auf d. nordwestl. Salomo-Inseln, in: R. Thurnwald, Salomo-Inseln u. Bismarck-Archipel I, 1912;
    Melodie u. Skala, in: lb. Petro 19, 1912;
  • Die Musik d. Pangwe, in: G. Tessmann, Die Pangwe II, 1914;
  • Musik d. Makushi, Taulipang u. Yekuana, in: Th. Koch-Grünberg, Vom Roroima zum Orinoco III, 1923;
  • Die Musik d. Semai auf Malakka, in: Anthropos 21, 1926;
  • Psychol. d. Gehörserscheinungen, in: Hdb. d. Physiol. XI, 1926;
  • Musikal. Tonsysteme, in: Geiger u. Scheel, Hdb. d. Physik VIII, 1927;
  • African Negro Music, in: Africa I, 1928;
  • The Ethnol. of African Sound Instruments, ebd. VI, 1933;
  • Musik d. Orients, 12 Schallplatten mit Kommentar-H., C. Lindström AG Berlin 1928;
  • The Music of the Fuegians, Ethnos, 1948. – Gesamtausg. in Vorbereitung

Veröffentlichungen

  • Die Probleme der Vergleichenden Musikwissenschaft. In: Christian Kaden, Erich Stockmann (Hrsg.): Tonart und Ethos. Aufsätze zur Musikethnologie und Musikpsychologie. 1905 (Reclam, Leipzig 1986)
  • Abschnitt XX. Musik. In: Günther Tessmann: Die Pangwe. Völkerkundliche Monographie eines westafrikanischen Negerstammes. Ergebnisse der Lübecker Pangwe-Expedition 1907–1909 und früherer Forschungen 1904–1907. Band 2. Ernst Wasmuth, Berlin 1913, S. 320–357.
  • mit Curt Sachs: Systematik der Musikinstrumente. Ein Versuch. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 46, 1914, S. 553–590 (Digitalisat).
  • Beobachtungen über ein- und zweiohriges Hören. In: Zeitschrift für Psychologie und ihre Grenzwissenschaften. Band 4, 1923, S. 64–114.
  • The Unity of the Senses. In: Psyche, 7, Nr. 28, 1927, S. 83–89.
  • Klaus Wachsmann, Dieter Christensen, Hans-Peter Reinecke (Hrsg.): Hornbostel Opera Omnia. Band 1. Springer, Berlin 1975 (enthält sämtliche veröffentlichten Schriften der Jahre 1903 bis 1906)

Literatur

  • Erich Moritz von Hornbostel, Curt Sachs: Systematik der Musikinstrumente. Ein Versuch. Zeitschrift für Ethnologie 46/4 und 5 (1914): 553–590.
  • Jaap Kunst: Zum Tode Erich von Hornbostel’s. In: Anthropos. Band 32, Heft 1./2. (Januar – April 1937), S. 239–246.
  • Curt Sachs: Erich M. von Hornbostel 1875–1935. In: Die Musikforschung, 1. Jahrgang, Heft 4 (1948), S. 217–218.
  • Hornbostel Erich von. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 2, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1959, S. 423.
  • Fritz Bose: Hornbostel, Erich M. von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 633 f. (Digitalisat).
  • Nazir Ali Jairazbhoy: The Beginnings of Organology and Ethnomusicology in the West: V. Mahillon, A. Ellis und S. M. Tagore, in: Sue Carole DeVale (Hg.), Selected Reports in Ethnomusicology Vol. VIII: Issues in Organology, Los Angeles: University of California (1990), 67–80.
  • Sebastian Klotz (Hrsg.): „Vom tönenden Wirbel menschlichen Tuns“: Erich M. von Hornbostel als Gestaltpsychologe, Archivar und Musikwissenschaftler: Studien und Dokumente. Schibri, Berlin 1998, ISBN 9783928878555.
  • Lars-Christian Koch und Ricarda Kopal: Klassifikation von Musikinstrumenten – Zum 100-jährigen Bestehen der Hornbostel-Sachs-Systematik, in: Zeitschrift für Ethnologie 139/2 (2014), 281–302

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